...und der Himmel verfinsterte sich

Das klingt nun duesterer als es vielleicht war, aber in der Tat durften wir diese Nacht einer "Eclipse total de la luna" - einer totalen Mondfinsternis - hier in Bolivien beiwohnen. Es scheint so, als ob selbst die Sterne nicht wollen, das wir diesen faszinierenden Suedamerikatrip beenden, oder aber die Mondfinsternis muss als Omen (gutes oder schlechtes) fuer Micheals heutigen Geburtstag gewertet werden (Gratulanten haben ab jetzt noch knappe 11 Stunden Zeit zu reagieren). Doch verfahren wir in gewohnter Weise und rekapitulieren die Ereignisse der letzten Woche in chronoligischer Reihenfolge:

Der zweite Tag in La Paz gestaltete sich schon weitaus freundlicher, obwohl sich meine Fuesse definitiv nach einer Alternative zu stundenlangen Erkundungsmaerschen auf holprig gepflasterten Buergersteigen in Trekkingsandalen bzw. Wanderschuhen sehnen. Mittlerweile haben sich richtig fiese Hornhaeute unter den Sohlen gebildet, die in strassenschmutz-grau schimmern und hin und wieder an den Fersen Risse bekommen, die wiederum beim Auftreten schmerzen. Doch da die Bereitschaft meiner Mitreisenden, mich auf Haenden zu tragen, gleich null ist und ich auch nicht staendig auf Zehenspitzen durch die Citz tuppeln will, muss ich wohl oder uebel tapfer bleiben und mich mit dem Gedanken an einen Termin beim Podologen anfreunden.

Wie ueblich starteten wir unseren Tag mit einer Stippvisite im Café, um einen ordentlichen Kaffee abzustauben. Guten Kaffee aufzutreiben ist in Bolivien wieder deutlich einfacher als in Peru. Unsere diesmalige Wahl faellt auf ein etwas rauchiges, stilechtes Altherrencafé mit Zeitungen am Stock. Es dauert auch nicht lang und die Tische fuellen sich Klischee maessig mit betagten Bolivianern spanischer Abstammung, die ihr Kaeffchen ebenso Klischee maessig mit Zigaretten und Zigarren runterspuelen. Svenja ist unter den mittlerweile 30 Gaesten die einzige Frau und wir Drei liegen locker 50 Jahre unter dem Altersdurchschnitt. Bei unserem Stadtrundgang machen wir einen Abstecher ins "Reichenviertel", wo auch die Botschaften, Hotels, Edel-Restaurants und das Goethe-Institut sind. Das alles laesst uns verstaendlicher Weise kalt, aber als wir seit langem mal wieder einen westlich-angehauchten Supermarkt erblicken, koennen wir nicht widerstehen. Svenja und Michael, die vermutlich unter einem Waschzwang leiden, haben naemlich schon ihre 2. Flasche Duschgel aufgebraucht und deshalb brauchen sie dringend ein Stueck Seife (Duschgel gibts hier in Bolivien nicht). Als wir aus dem Supermarkt rausstolpern treffen wir doch tatsaechlich Diesterhoefts zum dritten Mal in diesem Urlaub.

Habe ich eigentlich schon von Ulf und Dorle Diesterhoeft berichtet? Dem Schweigen zu urteilen, eher nicht. Also will ich an dieser Stelle kurz abschweifen und von den freundlichen Diesterhoefts erzaehlen: Das erste Mal begegneteten dem deutschen Ehepaar auf der Bootsfahrt nach Taquile (Insel im Titicacasee). Die jetzigen Wahl-Schwaben, die aber auch lange Zeit in Venezuela gelebt haben, machen grade eine Tour durch Venezuela, Ecuador, Peru, Bolivien und Argentinien. Obwohl die zwei weissgott keinen Luxusurlaub machen, belaecheln sie uns ein ums andere Mal fuer unseren rigiden Sparkurs. Ulf ist frueher uebrigens in Iserlohn zu einer weiterfuehrenden Schule (er ist Ingineur gewesen) gegangen, wo jetzt im Maerz auch wieder das alljaehrliche Nachtreffen der Absolventen stattfindet. Das zweite Mal treffen wir die Zwei in Copacabana in Bolivien statt, wo sie uns beim Eisessen erwischen und uns mahnen, dass Eis unmoeglich in unserem Budget-Plan liegen kann, stattdessen geben sie uns den Trucha-Tipp (Forelle), der preiswert und lecker zugleich ist. Und das dritte Mal treffen wir Diesterhoefts ausgerechnet in Boliviens groesster Stadt mitten auf der Strasse. Zufaelle gibts, oder Trueman-Show laesst gruessen.

Spaeter stielen wir unseren Trip nach Cochabamba am Busbahnhof ein, kopieren ein paar Seiten aus dem LonelyPlanet Bolivien, den wir uns am Vortag ausgeliehen haben und vertroedeln den Tag im Hostal, ehe wir ploetzlich umringt von Deutschen sind (keine Sorge, Diesterhoefts sind dieses Mal nicht dabei). Aber Silke und Rike, die wir in Arequipa und spaeter auch nochmal auf Taquile getroffen haben, sind wieder mit von der Partie. Ausserdem Julia und Sylvia, von denen wir den LonelyPlanet ausgeliehen haben und David, ein alleinreisender Politologie-Absolvent und ambitionierter Hobby-Fotograf aus Berlin, der sich seinen Rucksack inklusive saemtlicher Bilder in Cusco (Peru) hat klauen lassen. Von ihm erfahren wir auch bei einem geselligen Abendessen in der Chifa (China-Imbiss), dass sich der versierte Backpacker auf keinen Fall den Salar de Uyuni (Salzsee) im Sueden Boliviens entgehen lassen darf. Eigentlich wollten wir es ja angesichts der starken Ueberschwemmungen in weiten Teilen des Landes eher ruhig angehen lassen, aber wir verwerfen den Gedanken nicht sofort und treten unsere 7-Stunden-Fahrt nach Cochabamba am naechsten Morgen an.

Waehrend Svenja und Michael es sich auf ihrem Doppelsitz gemuetlich gehen lassen, erwartet mich bei solchen Bussfahrten immer mal wieder eine angenehme oder unangenehmere Ueberraschung, je nachdem was fuer einen Sitznachbarn ich erwische. Dieses Mal ist es Opa, der sich nicht so sehr fuer den Bud Spencer & Terrence Hill Film im Bus interessiert, sondern lieber mit mir, dem Hijo de los Nazis, ueber den ausbleibenden Fortschritt Boliviens diskutiert. Opa fuehrt die stagnierende Entwicklung seines Heimatlandes, das zwar drei Mal so gross ist wie Deutschland, aber nur ein Zehntel der Einwohner aufweist, auf die mangelnde Arbeitswilligkeit seiner Landsleute zurueck. Er hofft, wie auch schon in den 40ern und 50ern, auf auslaendische Impulse, die den Bolivianern mal zeigen, wie es laufen soll. Ich bemuehe mich moeglichst viel zu verstehen und Verstaendnis aufzuweisen. Gross was zu sagen, ist auch nicht weiter noetig, denn Opa ist richtig in Fahrt.

In Cochabamba, Boliviens Kornkammer auf 2500m ueber dem Meer, ist es sonnig und angenehm warm. Der Verkehr ist trotz annaehernd 500.000 Einwohnern nicht ganz so stark wie in La Paz und wir machen nach angestrengtem Suchen auch zwei nette franzoesische Cafés aus, die wohl demselben Besitzer gehoeren. Denn auf den identischen Speisekarten, die eigentlich in gutem Franzoesisch geschrieben sind, gibt es einen Café au Latí, was den Geschmack aber nicht truebt. Auch der Gateau du Jour, der zwar taeglich derselbe Apfeltarte mit Vanille-Eis ist, mundet vorzueglich. Kulinarisch lassen wir es uns also mal wieder gutgehen und auch unser Drei-Sterne-Hostal mit blumigem Innenhof und Schachbrett-Tischen ist ein bezahlbarer Traum (wir zahlen zusammen 8 Euro die Nacht mit baño compartido). Aber ich wuerde hier nicht ueber unseren Suedamerikatrip berichten, wenn alles so Friede-Freude-Eierkuchen waere. Zwei Dinge belasteten unser Gemuet: Zum einen will uns keiner der Geldautomaten hier in Bolivien mit den VISA-Karten Geld ausspucken. Zum anderen steigern sich Svenjas Magenprobleme, die sie ja schon latent seit 3 Wochen mit sich rumschleppt, ins Unertraegliche, sodass sie bettlaegerig wird. Dank Antibiotika-Therapie laesst sich letzteres innerhalb eines Tages wieder halbwegs in den Griff kriegen. Bezueglich unseres sich zuspitzenden Finanzproblems, weiss unsere Hausbank Wirecard lediglich mitzuteilen, dass die Karten in Ordnung seien und wir doch bitte auf das VISA-Zeichen am Automaten achten sollen. Tze, tze...denen habe ich entsprechend geantwortet. :D Naja, wir inzwischen sind wir bei Bank 6 fuendig geworden und auf einen Automaten gestossen, der wohl neu genug ist, um mit den "silbernen Magnetstreifen" zurecht zu kommen.

Indessen nimmt unser Ausflug zum Salar de Uyuni immer mehr Form an: Wenn wir um 6 Uhr morgens einen Bus nach Oruro nehmen wuerden, dann kaemen wir dort gegen 10 Uhr morgens an und haetten noch rund 5 Stunden, um uns fuer ein begehrtes Zugticket nach Uyuni zu kuemmern, die man allerdings schon Stunden vor der Abfahrt ergattern muss. Sollte dies gelingen, koennten wir einen kurzen Mittagssnack in Oruro einnehmen uns mit Proviant fuer die Reise eindecken und dann die restlichen 7 Stunden im Zug nach Uyuni zuckeln. Alternativ muessten wir bei Scheitern der Zugvariante auf einen Bus umsatteln, der 8 Stunden benoetigt.  So oder so kaemen wir nicht vor 23 Uhr abends in Uyuni an, wo wir dann noch eine Unterkunft braeuchten. Gesagt getan. Wir nehmen den Fruehbus nach Oruro, werden dank des militaerisch gekleideten Sicherheitsbeamten am proppevollen Bahnhof bevorzugt behandelt und ergattern ein erschwingliches Ticket nach Uyuni. Mit nicht all zu viel Verspaetung erreichen wir gegen 23 Uhr auch tatsaechlich das 12.000 Seelen Staedchen, aber ausserplanmaessig liegt das Kaff in voelliger Dunkelheit. Aus irgendwelchen Gruenden ist das komplette Dorf seit 18 Uhr ohne Strom, sodass wir im Stockfinstern (der Mond ist keine wirkliche Hilfe) nach einer Bleibe fuer die Nacht suchen. Wir nehmen die erstbeste Butze, die immerhin Kerzen hat und erholen uns von den Reisestrapazen. Am naechsten Tag kuemmern wir uns um eine Reiseagentour, bei der die Wahl auf Marias RedPlanetExpedition faellt und versuchen fuer unsere angeschlagenen Maegen etwas Essbares aufindig zu machen. Nebenbei bekommt Svenja langsam den Reisekoller und wird ungeschmeidig. :D

Das legt sich aber am Folgetag, an dem wir mit Guid Raul, zwei Deutschen und zwei Chilenen zum Salzsee aufbrechen. Vorab geht es zum Eisenbahn-Friedhof, wo rostige Gueterwagons samt Loks aus dem 19. Jahrhundert vor sich hinrosten, die allerlei Bodenschaetze (Salz, Silber, Zinn) aus der Umbgebung herumgefahren haben. So huebsch wie in Hermeskeiler Zugmuseum sind die natuerlich nicht mehr, aber stellen fuer die Bolivianer trotzdem eine Attraktion dar. Danach geht es ins Mini-Kaff Colchani direkt am Salzsee, wo wir in die Salzverarbeitung eingeweiht werden und zahlreichen Tant aus Salz zum Verkauf angepriesen bekommen. Wir halten unsere Bolivianischen Pesos zusammen und fahren endlich in den Salzsee, der wegen der Regenzeit mal knie- und mal knoecheltief unter Wasser steht. Fuer Raul und seinen Jeep natuerlich kein Problem, sodass wir durch diese bizarre Landschaft fahren und mal wieder richtig tief durchatmen koennen. Ab und an erinnern die Salzuntiefen im kristallklaren See an schwimmende Schollen im Arktischen Meer, aber dafuer ist es definitiv zu heiss. Neben einem Salzhotel, das wie der Name schon sagt, komplett aus Salz gebaut ist, nehmen wir unser Mittagessen ein und fahren auf dem Rueckweg noch bei irgendwelchen gruseligen Mumien vorbei, deren Alter, Herkunft, Todesursache, etc. nicht erforscht ist. Sicher ist nur, dass die Kinder in noch nicht all zu ferner Vergangenheit damit rumgespielt haben und dass sich die Bolivianer so allmaehlich ueberlegt haben, dass man die Mumien auch touristisch nutzen koennte, sodass sie alle gefundenen Mumien in eine Hoehle zusammengetragen, den Eingang mit einer Schilfrohrtuer versehen haben, die wiederum mit einem Vorhaengeschloss gesichert ist. Naja.

Fuer die Rueckfahrt nach Cochabamba stand uns der Zug, der nur alle Jubeljahre faehrt, leider nicht zur Verfuegung. Wir muessen also den schammeligen Bus fuer eine Nachtfahrt nehmen, was an sich noch nicht all zu uebel klingt, aber definitiv unsere schlimmste Busfahrt des ganzen Urlaubs war. Um 20 Uhr ging es los, uns war klar, dass die Fahrt holprig wird, da die Strecke nicht asphaltiert ist, aber das die gesamten 8 Stunden die Deckenklappe dermassen rappelt, dass pfundweise Strassenstaub ins Businnere dringt, damit hatten wir nicht gerechnet. Ohne Atemmaske ist also der Krupphusten mitsamt verdreckter Nase vorprogrammiert. Schlaf war einfach ein Ding der Unmoeglichkeit, wollte man keine Zentimeter dicke Staubschicht auf der Zunge riskieren, da man ja unmoeglich verhindern konnte mit offenem Mund zu schlafen. Die Augen brannten, die Gepackablagen ueber unseren Koepfen wippten und vibrierten in einer Lautstaerke, die einen Presslufthammer zur Ohrenschmeichelei werden liessen und die Temperatur sank gegen Mitternacht auf fast einstellige Grade. Voellig ausgezehrt steigen wir morgens um halb 5 in Oruro in den zweiten Bus nach Cochabamba und sind so erschoepft, dass wir dem Vertreter der alsbald zusteigt und gegen alle Universal-Wehwehchen einen dubioses Ginseng-Extrakt vertickt, fast noch was abgekauft haetten. Die folgenden drei Tage in Cochabamba sind wir aber wieder vollstaendig genesen, obwohl Michael sich irgendwie so etwas wie eine Lebensmittelvergiftung inklusive Fieber, Kotzereie, Durchfall und Bauchkraempfe eingefangen hat. Aber seit zwei Tagen kann auch er wieder Essen fassen.

Gestern haben wir uns mit ein paar Souvenirs vom Kunstmarkt eingedeckt. Svenja hat eine Haengematte erstanden und ich habe bei zwei Tagesdecken zugeschlagen. Waehrend ich hier schreibe (mittlerweile sind fast zwei Stunden vergangen) vergeht unser letzter Tag in Cochabamba. Um 23 Uhr verlassen wir mit dem Nachtbus die Stadt und brechen zu unserer letzten Station La Paz auf. Angeblich wartet dort auf uns im Hostal, wo wir vor einer Woche schon residierten, auch ein reserviertes Zimmer. Mal sehen, ob das geklappt hat.

So jetzt noch flott den Text in den Zwischenspeicher kloppen, bevor ich auf den "Bloggen"-Knopf druecke.....

21.2.08 19:28

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