Ay ay ay {eijeijei}

Tag allerseits. 

Der geneigte Leser mag vielleicht denken, die laengere Schreibpause gehe einher mit jeder Menge Langeweile und Monotonie, dem ist aber ganz sicher nicht so. Ganz im Gegenteil: Die letzte Woche war so voll mit koerperlich und geistig anstrengenden Ereignissen, dass ich gar nicht dazu kam, respektiv ueber das ein oder andere zu berichten. Aber packen wir es an:

Um von Huancayo nach Huancavelica zu gelangen waehlen wir dieses Mal ein neues Verkehrsmittel, und zwar den Zug. Die Fahrt absolvieren wir mit einem Standardwagon ueber Schmalspurschienen, was bedeutet, dass sich der gesamte Zug permanent gefaehrlich in beide Richtungen (links-rechts) neigt, sodass an Schlafen trotz des Wiege-Effekts nicht zu denken ist. Gluecklicherweise tuckert der Zug mit einer Maximalgeschwindigkeit von 30 kmh durch die landschaftlich reizvolle Umgebung etlang eines sich windenden Flusses, sodass die Ausmasse eines potentiellen Umkippens ueberschaubar bleiben. Natuerlich erklaert sich so auch die Fahrzeit von rund 5 Stunden fuer die laecherlichen 150km. Alles halb so wild, immerhin gibt es kleine Tischchen im Abteil und sogar warmes Essen und Getraenke. Wir kloppen uns im Stundentakt Choclo con Queso (Maiskolben mit einem Stueck salzigem Kaese), regionaltypisches Brot, Oreo-Keks-Imitationen und Tunas rein. Letztere sind Kaktusfeigen mit rund 25 unverdaulichen Kernen, die uns von den zwei Opas vom Nachbarsitz spendiert werden. Nach skeptischem Nachfragen, ob man die Kerne auch wirklich mitessen kann, versichern uns die zwei, dass jene Ballaststoffe eine verdauungsfoerdende Wirkung aufweisen, und Svenja und ich machen auch gleich die Probe aufs Exempel.

In Huancavelica laeuft alles nach gewohntem Schema: Zuerst muss man etliche Angebote von Taxifahrern freundlich aber bestimmt abschlagen, dann laeuft man die 300m zu Fuss in die Innenstadt, bezieht eine billige, aber saubere Unterkunft, wo das Gepaeck abgeladen wird, dann erkundet man die Stadt nach brauchbaren Restaurants, klappert die sehenswerten Kirchen ab und stattet der Tourist-Info einen Besuch ab, um sich nach Wanderungen zu erkundigen. So auch dieses Mal. Erwaehnenswert ist die Tatsache, dass Merida nicht all zu viele europaeische Touristen zu Gesicht bekommt und man deshalb haeufig bestaunt wird. Wir goennen uns einen 2-taegigen Aufenthalt, den wir mit einer Wanderung in den Bergen kroenen. Hier durften wir auch erstmals unser Equip auf Regentauglichkeit testen, da wir gegen Mittag in einen ordentlichen Schauer geraten sind. Unser Dank an dieser Stelle richtet sich verstaendlicher Weise an Jack Wolfskin, Lowa und Mammut. Am naechsten Morgen gehts ab 5 Uhr in einem rappelvollen Bus nach Rumichaka, wo uns Anschluss gen Ayacucho versprochen wird. Es macht uns ein wenig stutzig, dass viele der Peruaner Kotztueten mit sich fuehren, von denen sie zu unserem Leidwesen auch Gebrauch machten. Offenbar bekommt selbst den Einheimischen die Ruckeltour ueber unbefestigten Strassen durch zerklueftet Taeler und schneebedeckten Paessen nicht sonderlich. Wir bleiben allerdings tapfer und behalten unser Essen da, wo es hingehoert. Im Bus selbst verkauft man uns Busfahrten inklusive Platzkarten nach Ayacucho, was unsere Herzen hoeher schlagen liess. Die anschliessende Fahrt im Collectivo (Ihr erinnert Euch, die Kleinbusse) grenzte schon allerdings an einen Albtraum, da die jeweiligen Plaetze im VW-Bus (insgesamt 19 an der Zahl) die Breite einer Sabine Schlecker hatten. Waehrend sich Svenja und Michael einen 2er (nach deutschen Massstaeben bestensfalls ein etwas breiterer Behindertensitz) teilen durften, wurde ich auf die Rueckbank verfrachtet und zwar zwischen drei dickeren Herrschaften, was mir den Komfort einer Oelsardine verschaffte. Fuer alle Plaetze galt zudem, dass man sich die Beine mangels Freiheit im Fussraum hinter die Ohren schnallen musste, sodass nicht  nur gedanklich Termine beim Ergotherapeuten gebucht wurden, sondern auch die Koerpertemperatur binnen Sekunden auf bedrohliche 43 Grad stieg. Jacke ausziehen ohne seinen Sitznachbarn zu erdrosseln unmoeglich. Unser Gepaeck verweilte immerhin genauso wie drei Huehner in einem Sack auf dem Dach. Letztere haben den Zuckungen des Sacks beim Abladen anscheinend den Trip besser ueberstanden als wir.

Etwas benommen erreichen wir also Ayacucho, einem Andenstaedchen, in denen besagter Sentoro Luminoso in den 80ern und 90ern am haeftigsten tobte bzw. sogar geboren wurde. Die Stadt ueberrascht dank seiner nicht so hohen Lage mit angenehm warmen Temperaturen und seltenen Niederschlaegen. Etwas ausserhalb liegen an einer Strasse aufgereiht einige Wari-Ruinen und noch weiter entfernt das Staedtchen Quinua, das nicht nur fuer seine Keramikkunst bekannt ist (auf jedem Dachfirst kann man solche Keramikfiguren bestaunen), sondern auch Schauplatz des Befreiungskampfes gegen die spanischen Eroberer ist. Selbstredend lassen wir uns dieses Staedchen nicht entgehen und machen eine Tagestour dorthin. Noch vor dem riesigen Monolit, der an die denkwuerdige Schlacht erinnern soll, fangen uns ein paar einheimische Kids ab und wollen mit uns tanzen und singen. Wir sind natuerlich sofort Feuer und Flamme und bewegen uns mit den halben Metern geschmeidig wie Guildo Horn mit Motsi Mabuse. Grosszuegig quittieren wir den Spass mit einer Handvoll Bonbons, ueber die sich die Kinder gierig hermachen. Nachdem wir den kulturellen Teil unseres Aufenthalts mit ernster Miene und vielen Fotos absolviert haben, gehts zurueck nach Ayacucho, wo wir alsbald Opfer von Wasserbombenattacken werden. Mit geduckten Koepfen hetzen wir schnellen Schrittes zurueck ins Hostal und fragen erst Mal nach moeglichen Motiven, um im Januar mit Wasserbomben zu schmeissen. Die Antwort faellt einfach und einleuchtend aus: Karneval!  Die folgenden Tage mustern wir jeden Einheimischen, als sei er ein Terrorist mit dem Erfolg, dass wir aller hoechstens noch nasse Fuesse bekommen. Mit dem Nachtbus setzen wir unsere Rundreise nach Cusco fort, um endlich den Hoehepunkt in Peru anzusteuern: Machu Picchu. Dem im Wege steht ein 24-Stundenaufenthalt im haesslichen Andahuaylas sowie eine weitere Busfahrt. In Cusco, der Touristenhochburg, in der wie so viele Amis, Deutsche, Franzosen, etc. sehen, wie in den letzten 2 Monaten zusammen, finden wir mit viel Geschick wieder eine preisguenstige Abstiege in der Resbalosa (woertliche Uebersetzung dieser Steilen mit etlichen Treppenstufen und unebenem Kieselzement versehenen Strasse lautet "Ausrutscher". Der Rest dieser einstigen Inka-Hauptstadt strotzt vor Geschichte und architektonischen Besonderheiten, sodass sich eine Aufzaehlung an dieser Stelle nicht verwirklichen laesst. Wir bestaunen die fugenlose Baukunst der Inkas genau so wie die protzigen Kirchen der Spanier, die ihre immer wieder von Erdbeben gepeinigten Bauten auf den stabilen, mitschwingenden Grundmauern alter Inkapalaeste errichtet haben. Wir goennen uns nach langer Zeit sogar mal wieder einen Museumseintritt, wo wir archaeologische Funde aus der Prae-Inka-Zeit, der Inka-Zeit und der darauffolgenden Besatzungszeit bestaunen. Kulinarisch lassen wir es uns auch mal wieder gutgehen, indem wir in schnuckeligen 2-Mann/Frau-Betrieben 3-Gaengemenues verputzen, die allesamt nicht mehr als 10 Soles (ca. 2,5 Euro) kosten.

Am 3. Tag starten wir schliesslich das Unternehmen Machu Pichu, das heisst: 4 Uhr aufstehen, zum Busbahnhof an der Puente Grau laufen, in den Bus nach Ollantaytambo einsteigen, wo wir 3 Stunden spaeter ankommen, dort Aufenthalt bis 11.30 mit Kartenspielen und Choclo-Essen ueberbruecken, mit dem sau-teuren Backpacker-Zug (es gibt nach Machu Picchu keine Alternative ausser dem noch viel teureren Inka- (Gringo-)Trail) nach Agua Calientes fahren, wo der Baer tobt. Hunderte von Touristen tummeln sich in diesem haesslichen, aber strategisch guenstigen Dorf direkt unter Machu Picchu, und ebensoviele Einheimische versuchen einen in ihr Hotel/Restaurant/Imbissbude zu zerren. Irgendwie schaffen wir es eine akzeptable Unterkunft zu ergattern und uns die Eintrittskarten (122 Soles =30 Euro), die natuerlich auch viel zu teuer sind, fuer Machu Picchu vorab zu besorgen. Obwohl ich keine Internationale Studentenkarte habe, schindet die gute, alte Tunika genuegend Eindruck, um mir einen 50% Preisnachlass zu ergattern. Am naechsten Morgen geht es wieder um 5.30 aus den Federn. Bei stroemendem Regen, feilschen wir um den Preis fuer drei Regenponchos aus Muellbeutelstoff und machen uns auf den Fussweg zu Machu Picchu, da der Bus happige 12 Dollar kosten soll. Die folgenden 50 Minuten werden grausam. Der Poncho schuetzt uns zwar vor dem Regen, die rund 900 Stufen, die ganz und gar nicht die Trittgroesse der kleinen Inka aufweisen, bringen uns aber schon nach wenigen der insgesamt 400 Hoehenmetern ins Schwitzen. Wir  ueberholen noch 4 keuchende Touristen samt Guide, der uns gerne gefolgt waere und erreichen gegen 7 Uhr die Inkaruinen. Die folgenden 4 Stunden entschaedigen fuer den muehsamen Anstieg allemal. Obwohl auch hier etliche Stufen zu bewaeltigen sind, geniessen wir bei strahlendem Sonnenschein die ehrwuerdigen Staette in vollen Zuegen. Einzig das Fehlen eines Klos bzw. eines Kiosks zwingt uns gegen Mittag zum Abstieg, wo wir gluecklich, aber geschafft unter die Dusche und dann in die Betten fallen. Auch am darauffolgenden Tag geht es um 4.15 aus den Federn, schliesslich sollen wir uns um 5 Uhr zur Rueckfahrt am Bahnhof einfinden. Erst Zug, dann Bus und wir sind wieder in Cusco, wo ich jetzt an einem Rechner sitze und verzweifelt nach einer Bleibe ab Maerz suche. Heute morgen haben wir wieder in aller Herrgottsfruehe (Aufstehen war um 5.30) eine Festung wenige hundert Meter noerdlich der Stadt besucht, um den Eintritt zu sparen. Trotz der Warnungen des Reisefuehrers, dass auf dem beschwerlichen (und stufigen!) Aufstieg haeufig Wegelagerer und Diebe lauern, haben wir das Wagnis auf uns genommen und uns ist auch nix passiert.

Fazit der Woche: Urlaub heisst nicht: Lange Ausschlafen. Und dank der 1000 Treppen habe ich in der Andenhoehe mittlerweile eine Ausdauer wie Uschi Disl und Oberschenkel wie Gunda Niemann-Stirnemann. 

28.1.08 22:25

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