Huhu aus Huancayo

Okay, wo waren wir stehengeblieben?

Die 10-stuendige Nachtfahrt nach Huancayo verlief ohne nennenswerte Zwischenfaelle, sodass wir zwar leicht muede aber doch voller Zuversicht unsere neue Unterkunft ansteuerten. Wie so hauefig verlassen wir uns in solchen Situationen auf den lonely planet, der immerhin eine Trefferquote von nahezu 60% aufweist. Die restlichen 40% der Tipps sind entweder so veraltet, dass es betreffendes Hostal/Restaurant/Internet-Café entweder nicht mehr gibt, es anders heisst oder zumindest die Preise anghoben hat. Nun gut, unser heisser Tipp des Tage war die Hospedaje Baldeón, die von Edeltraut (natuerlich nicht ihr echter Name, aber die 3-koepfige Reisegruppe konnte sich schnell auf diese Namensgebung einigen) gefuehrt wird. Edeltraut ist bestimmt Mitte 70 aber noch gut in Schuss und stets freundlich aber bestimmt. Zusammen mit dem taub-stummen Opa (namenslos), der stets grinst und auch stramm auf die 80 zugeht, fuehrt uns Edeltraut durch ihr kleines, sauberes aber doch sehr einfaches Reich. Die Zimmer sind recht karg moebliert. 4 eiserne Betten mit stahlharten Matrazen (nach den Flitzebogen-Betten in San Pedro und Lima allerdings eine ueberraschend wohltuende Abwechslung) draengeln sich in dem dunklen Raeumchen zusammen mit einem Holztisch in der Ecke. Die Decke illustriert vergangene Wasserschaeden, dessen Behebung wir optimistisch annehmen. Quer neben dem Lichtschalter (gegenueber vom Eingang) haengt die Jungfrau Maria schief laechelnd mit dem kleinen Jesus im Arm von einem Bild herab, das Kabel von der Deckenlampe verlaeuft recht symmetrisch zu den Rissen in der Decke zum Oberlicht unserer zweifluegligen Tuer, wo es durch einen fingerdicken Schlitz nach draussen wandert. Die Tuer selbst ist aus Holz und kann nur mit dem dicken Vorhaengeschloss annaehernd geschlossen werden. Wie Ihr Euch denken koennt, verlieben wir uns auf Anhieb in dieses Schmuckstueck der Backpackerbleiben und besichtigen gierig die sanitaeren Anlagen im Hof. Nebeneinander aufgereiht protzen im fruehen Morgenlicht das Freiluftwaschbecken, die zwei Duschkabinen, die tatsaechlich auf Wunsch Warmwasser ausspucken und schliesslich das Klo, inklusive Klobrille und Wasserspuelung. Als Edeltraut schliesslich mit dem Preis, 10 Soles pro Person (1 Euro = 4,3 Sol) rausrueckt, schlagen wir sofort zu. Denn nach dem recht teuren Venezuela-Aufenthalt mit den kostspieligen Touren und Fluegen haben wir uns das Steinbruecksche Sparpaket auferlegt. Unser Ziel: Mit weniger als 150 Sol (= ca. 39 Euro) auskommen, was pro Person ein Auskommen von ca. 13 Euro bedeutet. Natuerlich faellt das mal leichter und mal schwerer.

Denn am sonntaeglichen Kunstmarkt hier in Huancayo konnten wir nicht widerstehen und haben uns jeweils einen Alpaca-Pullover gekauft. Ein Bild in diesem Outfit existiert bislang noch nicht, kommt aber noch. Weiterer Kostenpunkt sind CDs und DVDs, die hier umgerechnet zwischen 25 und 75 Cent kosten. Habe mir neben lustiger peruanischer Musik und der CD "Fiesta Sin Limites" ausserdem eine 5er DVD im MPEG4-Format zugelegt auf der "Von Loewen und Laemmern" drauf ist, da ich diesen Film ja leider in Deutschland verpasst habe. "Saw 4" ist auch drauf (freu!). Ansonsten wissen wir aber sehr gewissenhaft zu sparen. Gestern Abend zum Beispiel waren wir vegetarisch essen (Im Land des Carne und Pollo eine echte Wohltat) und haben jeweils fuer ein 3-Gaenge-Menue bestehend aus Riesenteller Gemuesesuppe mit Nudeleinlage, Tortilla mit Reis, Erdbeerjoghurt und Mate (Kraeutertee) gerade mal 75 Cent bezahlt. Bislang haben uns bei solchen kulinarischen Abenteuern auch noch keine schlimmeren Magengeschichten heimgesucht, die sich nicht haetten mit Trockenpflaumen kurieren lassen.

Die lustigste Geschichte der vergangen 5 Tage hier in Huancayo habe ich Euch allerdings noch gar nicht erzaehlt (pfeif auf das Prinzip der inverted pyramide). Denn am Sonntag sind wir auf geheiss einer lokalen Touranbieterin ins etwas ausserhalb gelegene Azapampa gefahren, um dort das traditionelle Gericht  Pachamac zu verspeisen. Pachamac ist ein riesiger Teller voll mit Bohnen, Maisbrei im Maiskolbenblatt, Kartoffeln und Schweinefleisch aus der Schulter. Das allein ist jetzt noch nicht so lustig, aber kurz bevor uns das Essen serviert wurde, hat uns eine Frau angesprochen, ob wir uns nicht an ihren Tisch setzen wollten, denn ihr Vater feiert heute 71 Geburtstag und sie wuerden gerne mit uns feiern. Gesagt, getan und wenig spaeter sitzen wir an der Familientafel und stossen alle 4 Minuten mit dem spendierten Bier vom Geburtstagskind auf sein Wohl an. Natuerlich laeuft es bei uns wie immer, wir verstehen dank unserer rudimentaeren Castellano-Kenntnisse nur den Bruchteil der Geschichten und Fragen und versuchen das nicht einmal mehr mit einem Dauerlaecheln zu vertuschen. Zum Essen kommen wir kaum, denn erst werden unserer Familienstaende abgefragt und dass ich Single (= soltero) bin, sorgt fuer allgmeien Heiterkeit. Zwischen den Trinkspruechen, die im Stehen abgehalten werden, muessen wir immer wieder fuer Handyfotos posieren - mit jedem einzelnen Familienmitglied versteht sich. Michael, der kein einziges Wort Castellano versteht geschweige denn spricht, sitzt neben Oma, die ihm zunaechst mit Haenden und Fuessen erklaeren will, wie er das Pachamac zu essen hat, aber bald merkt, dass das nicht erfolgsversprechend ist, legt irgendwann selbst Hand an: Zuerst puhlt sie die Bohnen aus den Schoten, ehe sie die Bohnen an einer Seite sanft aufreisst und Michael den Inhalt ohne aeussere Haut in den Mund quetscht. Dann zupft sie ein wenig Fleisch ab und fuettert Michael auch damit. Dass sie nicht in die Serviette spuckt und ihm damit den Mund abwischt ist alles. Naja, irgendwann kurz vor Schliessung des Lokals brechen alle auf und wollen uns zum Tanzen in der Hospedaje abholen. Gluecklicherweise hat sich dieser Plan anscheinend zerschlagen. Aber wer weiss was uns naechste Woche passiert.

Wer auf Postkarten auf Peru hofft, muss an dieser Stelle leider enttaeuscht werden, wir waren naemlich heute Karten kaufen und sind am Postschalter fast umgefallen als wir die unverschaemten Briefmarkenpreise erfuhren. 6,50 Sol also umgerechnet 1,50 Euro wollen die hier fuer die Briefmarke nach Europa. Der Spass ist uns zu teuer gewesen, sodass wir hoechstens aus Bolivien ein paar Karten verschicken. In Venezuela habe ich auch schon einige auf den Weg gebracht, aber angeblich sind die noch nicht angekommen.

16.1.08 01:44

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Martin (27.1.08 11:19)
Hi Nils, wenn man so die berichte liest, wird man schon neidisch... in Malsfeld, also im gefährlichem Nordhessischen Bergland ist es eher besinnlich und ruhig - viel zu ruhig. Ich freu mich auf jeden fall auf Erzählungen und du vielleicht auch wieder auf ein deutsches Bier, beides kann man dann ja verbinden.

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