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Bye bye, Venezuela!

¡Feliz Año!

Unser Aufenthalt in Venezuela neigt sich unweigerlich dem Ende entgegen. Hinter uns liegen 8 abwechslungsreiche Tage in den Anden beziehungsweise den Los Llanos. Aber beginnen wir von vorne:

Nach unserem Chillout auf der Isla Margarita im Karibischen Meer sind wir zurueck nach Caracas geflogen, wo wir dank eines ausgekluegelten Mobilitaetsplans mit Bus, Metro und Fusswegen heil und unversehrt am Terminal La Bandera, dem wohl hektischsten Busbahnhof Venezuelas, angekommen sind. Mit den Massen haben wir uns wie in Hitchcocks Vertigo die Treppen hochgeschoben. Unser Aufstieg in die 3  Etage des Gebauedes wurde akustisch mit einem Marktschrei-Gebruell untermalt, denn diverse "inoffizielle Busfahr-Gesellschaften", die wohl in Deutschland als Ich-AG durchgehen wuerden, versuchen uns zu utopischen Preisen in Ihre klapprigen Chevrolets aus den80ern zu lotsen um uns quer durch Venezuela zu kutschieren. Hierzu gesellte sich das hektische Treiben der Venozolaner, die ueber die Feiertage haenderingend nach Tickets feilschen und sich mal in ordentlichen Reihen, mal in chaotischen Trauben vor den kleinen Bueros der offiziellen Gesellschaften draengeln. Getreu dem Prinzip "Mehr Glueck als Verstand" ergattern wir noch fuer den gleichen Abend eine Nachtfahrt (12 Stunden) nach Mérida. Bei wohl temperierten 13 Grad erreichen wir die Universitaetsstadt in den Anden frischer als uns lieb ist (fuer die Rueckfahrt nach Caracas nehmen wir auf alle Faelle Schlafsaecke und Muetzen mit) In Mérida machen wir eine einfache aber gemuetliche Posada aus, die von einem Venezolaner gefuehrt wird, der mal mit einer Schweizerin verheiratet war. Da die Posada auch Touren anbietet,machen wir uns schon am 29. Dezember fuer 4 Tage auf die Socken nach Los Llanos, einer grossen, tierreichen Tiefebene sued-oestlich von Mérida. Mit dabei sind dieses Mal der Guide Joel inkl. belgischer Freundin Caroline, Sam und Jane, zwei britische Lehrer, die fuer 2 Jahre in Caracas reichen Venezolanern genug englisch zum Emigrieren beibringen, und schliesslich Oliver, ein 45-jaehriger Hannoveraner (kein Pferd!). Wir sind um Lagunen gewandert, Sam hat seinen Turnschuh im Sumpf versenkt, haben Kaimane und Anakondas aufgestoebert (letztere erfolglos), Wasserschweine gestreichelt, Pferdchen geritten, uns den HIntern auf Holzbrettern auf dem Jeepdach ruiniert, Boetchen gefahren, Piranhas gefischt (Svenja 1x, Michael 3x, Nils 2x) und spaeter auch teilweise gegessen, in Haengematten geschlafen, vor einem betrunkenen Ameisenbaer namens Carlita gefluechtet und natuerlich Sylvester gefeiert. Undzwar in einem gottverlassenen Camp im Nirgendwo. Die Einheizer-Band bestand aus einer Harfe, einer kleinen Gitarre und zwei Shakern . Dann wurden zwei haessliche Puppen, die das alte Jahr mitsamt seinen Suenden symbolisieren, verbrannt und es gab ein lautes aber unspektakulaeres Feuerwerk. Doch mit viel Bier und Cubra libre war es richtig lustig.

Wieder in Mérida, was bei der halsbrecherischen Jeepfahrt von 8 Stunden am Neujahrstag an ein Wunder grenzte, denn 2 Mal mussten wir bei leichtsinnigen Ueberholversuchen von Joel voll in die Eisen, um einen Frontalcrash zu vermeiden. Ich brauch ja nicht zu erwaehnen, dass es fuer uns keine Sicherheitsgurte gab. Nun ja, wieder in Mérida haben wir die Stadt erkundet und sind in der Heladeria Coromoto gewesen. Das ist eine Eisdiele, die dank ihrer ueber 300 Sorten Eis im Guiness-Buch der Rekorde steht. Schmecken tut das Eis dort nicht wirklich, und dass obwohl wir nicht so leckere Sorten wie Pulpa (Krake), Salmon (Lachs) oder Hamburguesa probiert haben. Ausserdem musste ich mich schon das 2te Mal in diesem Urlaub einer Mini-Operation unterziehen: Nach dem Zehennagel hat es dieses Mal meinen Hintern erwischt, wo sich eine venezolanische Zecke festgebissen hat. In einer erniedrigenden Prozedur, die ohne hier in schillernden Farben ins Detail gehen zu muessen, nachfuehlbar schmerzhaft gewesen ist, hat mir Schwester Svenja erst den Koerper und im 26. Versuch schliesslich auch den Zeckenkopf entfernt. Nun ja, noch lebe ich. Mal sehen was die naechsten Tage bringen, vielleicht ist Peru mir ja etwas freundlcher gesinnt...

Einige Bilder zu unserer Reise findet Ihr auf http://atlantis-diver.com/reise.htm einer Webpage von Michael

3 Kommentare 3.1.08 22:18, kommentieren

Amo Peru

Hey ihr Lurker,

mit gemischten Gefuehlen habe ich die ersten Kommentare und Gaestebucheintraege vernommen. Mit Bildern ist hier auf myblog.de nicht viel, sodass ich meine Kreativitaet beim Textdesignen nicht gaenzlich ausschoepfen kann, aber wenn jemand von Euch noch eine andere Plattform kennt, wo man mehr Speicherplatz hat, sich nicht gross anmelden muss, nix zahlt und von jedem x-beliebigen Internet-Café drauf zugreifen kann, dann nur raus mit den Vorschlaegen.

Just in diesem Moment sitze ich in einem Internet-Café in Lima. Die 10-stuendige Busfahrt von Mérida nach Caracas war mit Muetze, Schlafsack, Socken und zwei Kannen Tee recht vertraeglich. Auch der Transfer zum Flughafen verlief via Metro, Fussmarsch und singendem Taxifahrer wie am Schnuerchen, sodass wir trotz kleinerer Turbulenzen, die bei rund 15 % der Passagieren einen erbitterten Run auf das einzige Boardklo ausloesten, heil und zeitig in Lima gelandet sind. Nachdem wir wieder ein halbes Stuendchen an der Uhr gedreht haben, befanden wir uns um 23.30 Uhr Ortszeit (also 6 Stunden hinter der MEZ) am Flughafen in Lima und stellte mit Freude fest, dass so gut wie alle Geschaefte und Imbissbuden 24 Stunden geoffnet waren. Also noch flux einen Imbiss bei McDonalds eingeschoben und in der Wartehalle ein kleines Nachtlager ausgebreitet. Die Nacht verlief angenehm ruhig und gemuetlich, bis um 3 Uhr morgens das grosse Stuehleruecken begann, damit eine Wischmaschine den eh schon blitzblanken Boden noch sauberer schrubben konnte. Wir also mitsamt den rund 200 Stuehlen aus der Wartehalle in eine Ecke verkrochen, die Maschine durchsausen lassen und zurueck in die Heia. Am naechsten Morgen bei Dunkin' Donuts gefruehstueckt (igitt) und ab in ein rammelvolles Collectivo in die City von Lima.

Collectivos sind kleine und hoffnungslos veralterte VW-Busse, in denen man mit bis zu 20 Fahrgaesten, teilweise auf Fresbee-Scheiben grossen Sitzkissen gerne auch mal gegen die Fahrtrichtung mit seinem 15Kilo-Backpack Kurz- und Mittelstrecken meistert. Nur echt mit wahnwitzigen Spurwechseln, einer hochfrequentierten Fahrgastfluktuation, ohrenbetaeubenden Hupkonzerten, usw.

Gegen Vormittag erreichen wir schliesslich unserer gemuetliche Posada im gehobenen Stadtviertel Miraflores, wo wir fuer die naechsten drei Tage zusammen mit dem Neuseelaender Neil uebernachten. Wir geniessen die triebsame aber doch entspannte Atmosphaere Miraflores, erkunden Kolonialbauten und Kirchen in der Altstadt und wagen uns in etwas fragliche Stadtbezirke, in denen Autoteile recycelt werden oder Papierherstellung betrieben wird. Hier ereignete sich auch unser bislang einziger unschoener Zwischenfall, in der Naehe des Busterminals, von wo wir heute abend gen Huancayo aufbrechen werden. Nachdem wir einen geistig verwirrten Typen, der uns staendig die Haende schuetteln wollte und auf Michaels Tauchcomputer-Uhr scharf war, abgeschuettelt haben, gabeln uns zwei Halbstarke an einer Kreuzung auf und bitten zunaechst um Geld zum Essen. Als wir diesen Wunsch abschlagen, werden sie etwas ruppiger und halten (wen wohl?) mich fest, um mir an die Hosentaschen zu gehen. Offensichtlich haben sie sich in ihrer Phantasie ausgemalt, dass die viereckige Beule in meiner rechten Oberschenkeltasche (mit Reissverschluss) auf unendliche Reichtuemer hindeutet, aber dieser "Schatz" waere wohl fuer die zwei zu ideell gewesen, denn in der Tasche steckte lediglich mein kleines Pons-Woerterbuch. Naja, zur Vollstreckung kamen sie erst gar nicht, da mir zum einen Michael zur Seite gesprungen ist und zum anderen die nicht-kriminellen Limanesen eingriffen. Da wir mittlerweile mitten auf der Strasse rangelten, hielt ein weisser Jeep mit ordentlich Tempo einfach mal drauf und schuppste die Jungs "sanft" mit der Stossstange von mir fort. Diese Aktion hatte Wirkung, sodass die Jungs zusammen auf einem Fahrrad ohne Beute das Weite suchten. Der Rest des Limaaufenthalts verlief weitaus unspektakulaerer. Wir kloppen uns abends in den verschiedensten Restaurants 2-Gaengemenues fuer umgerechnet 4 Euro rein und zelebrieren Einkaeufe im Vivanda, einem 1st-class-Supermarkt, der Plus, Edeka und Co. alt aussehen laesst. So lange man kein Flensburger, Nutella oder Toblerone kauft, ist es auch schoen billig. Und wir haben uns im Museo de la Nación ein wenig ueber die juengste Geschichte Perus schlau gemacht. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht wusste, dass hier bis in die 90er Jahre noch Buergerkrieg herrschte, an denen eine teils politische teils terroristische Gruppe namens "Leuchtender Pfad" massgeblich beteiligt war.

Vor 3 Tagen sind wir schliesslich in das 3.100m hoch gelegene Andendoerfchen San Pedro de Casta aufgebrochen. Unsere bislang gefaehrlichste Busfahrt ueber holprige Schotterpisten an Bergketten entlang, ohne Grenzsteine oder Leitplanke, dafuer mit etlichen Kreuzen am Strassenrand war nur aus dem Grund psychisch meisterbar, weil es sau neblig war. Es ist naemlich grad Regenzeit in den Anden und das heisst, dass es ab mittags regnet und die Sicht unter 50 Meter sinkt. In dem Hostal, das uns Lonely Planet in San Pedro de Casta (etwa 750 Einwohner) empfiehlt, sind wir die einzigen Gaeste und werden wie lang verschollene Familienmitglieder behandelt. Man nimmt uns an die Hand und fuehrt uns abends um 8 noch 6 Haeuser weiterzu einer lieben Oma, die uns Reis, Spiegelei und Koka-Tee zubereitet. Ausserdem decken wir uns in ihrem "Supermarkt" mit Suessigkeiten, Wasser und Obst fuer die morgige Trekkingtour ein. Hostalvater Oscar besorgt uns ausserdem einen Guide (Omar), der uns morgens frueh um 6 Uhr zum Aufstieg nach Marcahuasi abholt. Die Betten sind zwar scheusslich und eine Heizung gibt es auch nicht, aber trotzdem fuehlen wir uns pudelwohl. Die reizende 4-jaehrige Mirella (Oscars Tochter) plappert staendig in spanisch auf uns ein, klaut mir Muetze und Woerterbuch, will staendig auf unseren Schultern sitzen, beschmeisst uns mit Kissen, isst mit uns Orangen (natuerlich nicht um uns lauthals vor den gefaehrlichen Pepas, den Kernen, zu warnen) putzt sich mit Svenjas Zahnbuerste anschliessend die Zaehne, ehe sie sich mit rund 100ml Sonnencreme und Aftersun-Lotion einschmiert.

Die Tour nach Marcahuasi war anstrengend aber schoen. Omar hat uns sogar fuer unsere Fitness gelobt, obgleich sich die Hoehe doch bei unseren Kreislaeufen und Svenjas Beinen (wir hatten zwischendurch schon Querschnittslaehmungs-Alarm, aber sie spuert ihre Beine inzwischen wieder) bemerkbar machte. Auf fast 4000m Hoehe bestaunen wir schliesslich, das Hochplateau, das von nahezu mystischen Felsformationen und alten Inkagraebern gesaeumt ist. Fuer die indigene Bevoelkerung ist dieser Platz kulturell uns spirituell angeblich von grosser Bedeutung, wir sind einfach froh, dass wir nach der koerperlichen Anstrengung noch irgendwelche Gestalten wie Gesichter und Tiere in den Felsen erkennen koennen. Da es uns froestelt machen wir bald den Abstieg zurueck ins Dorf, wo wir uns mit kalten Duschen und unseren Schlafsaecken wieder aufwaermen.

Heute sind wir morgens um 7 aufgebrochen, haben 3 Stunden Klippenfahrt absolviert, 2 Stunden Teerfahrt zurueck nach Lima ueberstanden und vertroedeln uns nun die Zeit zu unserer Nachtfahrt nach Huancayo. Wegen des Vorfalls werden wir vermutlich ein Taxi zum Busbahnhof nehmen. Laut Reisefuehrer hat Huancayo den Charme einer Stadt des Wilden Westens. Wie Ihr Euch denken koennt, werde ich dazu ausfuehrlichst berichten. :D

1 Kommentar 10.1.08 23:46, kommentieren

Huhu aus Huancayo

Okay, wo waren wir stehengeblieben?

Die 10-stuendige Nachtfahrt nach Huancayo verlief ohne nennenswerte Zwischenfaelle, sodass wir zwar leicht muede aber doch voller Zuversicht unsere neue Unterkunft ansteuerten. Wie so hauefig verlassen wir uns in solchen Situationen auf den lonely planet, der immerhin eine Trefferquote von nahezu 60% aufweist. Die restlichen 40% der Tipps sind entweder so veraltet, dass es betreffendes Hostal/Restaurant/Internet-Café entweder nicht mehr gibt, es anders heisst oder zumindest die Preise anghoben hat. Nun gut, unser heisser Tipp des Tage war die Hospedaje Baldeón, die von Edeltraut (natuerlich nicht ihr echter Name, aber die 3-koepfige Reisegruppe konnte sich schnell auf diese Namensgebung einigen) gefuehrt wird. Edeltraut ist bestimmt Mitte 70 aber noch gut in Schuss und stets freundlich aber bestimmt. Zusammen mit dem taub-stummen Opa (namenslos), der stets grinst und auch stramm auf die 80 zugeht, fuehrt uns Edeltraut durch ihr kleines, sauberes aber doch sehr einfaches Reich. Die Zimmer sind recht karg moebliert. 4 eiserne Betten mit stahlharten Matrazen (nach den Flitzebogen-Betten in San Pedro und Lima allerdings eine ueberraschend wohltuende Abwechslung) draengeln sich in dem dunklen Raeumchen zusammen mit einem Holztisch in der Ecke. Die Decke illustriert vergangene Wasserschaeden, dessen Behebung wir optimistisch annehmen. Quer neben dem Lichtschalter (gegenueber vom Eingang) haengt die Jungfrau Maria schief laechelnd mit dem kleinen Jesus im Arm von einem Bild herab, das Kabel von der Deckenlampe verlaeuft recht symmetrisch zu den Rissen in der Decke zum Oberlicht unserer zweifluegligen Tuer, wo es durch einen fingerdicken Schlitz nach draussen wandert. Die Tuer selbst ist aus Holz und kann nur mit dem dicken Vorhaengeschloss annaehernd geschlossen werden. Wie Ihr Euch denken koennt, verlieben wir uns auf Anhieb in dieses Schmuckstueck der Backpackerbleiben und besichtigen gierig die sanitaeren Anlagen im Hof. Nebeneinander aufgereiht protzen im fruehen Morgenlicht das Freiluftwaschbecken, die zwei Duschkabinen, die tatsaechlich auf Wunsch Warmwasser ausspucken und schliesslich das Klo, inklusive Klobrille und Wasserspuelung. Als Edeltraut schliesslich mit dem Preis, 10 Soles pro Person (1 Euro = 4,3 Sol) rausrueckt, schlagen wir sofort zu. Denn nach dem recht teuren Venezuela-Aufenthalt mit den kostspieligen Touren und Fluegen haben wir uns das Steinbruecksche Sparpaket auferlegt. Unser Ziel: Mit weniger als 150 Sol (= ca. 39 Euro) auskommen, was pro Person ein Auskommen von ca. 13 Euro bedeutet. Natuerlich faellt das mal leichter und mal schwerer.

Denn am sonntaeglichen Kunstmarkt hier in Huancayo konnten wir nicht widerstehen und haben uns jeweils einen Alpaca-Pullover gekauft. Ein Bild in diesem Outfit existiert bislang noch nicht, kommt aber noch. Weiterer Kostenpunkt sind CDs und DVDs, die hier umgerechnet zwischen 25 und 75 Cent kosten. Habe mir neben lustiger peruanischer Musik und der CD "Fiesta Sin Limites" ausserdem eine 5er DVD im MPEG4-Format zugelegt auf der "Von Loewen und Laemmern" drauf ist, da ich diesen Film ja leider in Deutschland verpasst habe. "Saw 4" ist auch drauf (freu!). Ansonsten wissen wir aber sehr gewissenhaft zu sparen. Gestern Abend zum Beispiel waren wir vegetarisch essen (Im Land des Carne und Pollo eine echte Wohltat) und haben jeweils fuer ein 3-Gaenge-Menue bestehend aus Riesenteller Gemuesesuppe mit Nudeleinlage, Tortilla mit Reis, Erdbeerjoghurt und Mate (Kraeutertee) gerade mal 75 Cent bezahlt. Bislang haben uns bei solchen kulinarischen Abenteuern auch noch keine schlimmeren Magengeschichten heimgesucht, die sich nicht haetten mit Trockenpflaumen kurieren lassen.

Die lustigste Geschichte der vergangen 5 Tage hier in Huancayo habe ich Euch allerdings noch gar nicht erzaehlt (pfeif auf das Prinzip der inverted pyramide). Denn am Sonntag sind wir auf geheiss einer lokalen Touranbieterin ins etwas ausserhalb gelegene Azapampa gefahren, um dort das traditionelle Gericht  Pachamac zu verspeisen. Pachamac ist ein riesiger Teller voll mit Bohnen, Maisbrei im Maiskolbenblatt, Kartoffeln und Schweinefleisch aus der Schulter. Das allein ist jetzt noch nicht so lustig, aber kurz bevor uns das Essen serviert wurde, hat uns eine Frau angesprochen, ob wir uns nicht an ihren Tisch setzen wollten, denn ihr Vater feiert heute 71 Geburtstag und sie wuerden gerne mit uns feiern. Gesagt, getan und wenig spaeter sitzen wir an der Familientafel und stossen alle 4 Minuten mit dem spendierten Bier vom Geburtstagskind auf sein Wohl an. Natuerlich laeuft es bei uns wie immer, wir verstehen dank unserer rudimentaeren Castellano-Kenntnisse nur den Bruchteil der Geschichten und Fragen und versuchen das nicht einmal mehr mit einem Dauerlaecheln zu vertuschen. Zum Essen kommen wir kaum, denn erst werden unserer Familienstaende abgefragt und dass ich Single (= soltero) bin, sorgt fuer allgmeien Heiterkeit. Zwischen den Trinkspruechen, die im Stehen abgehalten werden, muessen wir immer wieder fuer Handyfotos posieren - mit jedem einzelnen Familienmitglied versteht sich. Michael, der kein einziges Wort Castellano versteht geschweige denn spricht, sitzt neben Oma, die ihm zunaechst mit Haenden und Fuessen erklaeren will, wie er das Pachamac zu essen hat, aber bald merkt, dass das nicht erfolgsversprechend ist, legt irgendwann selbst Hand an: Zuerst puhlt sie die Bohnen aus den Schoten, ehe sie die Bohnen an einer Seite sanft aufreisst und Michael den Inhalt ohne aeussere Haut in den Mund quetscht. Dann zupft sie ein wenig Fleisch ab und fuettert Michael auch damit. Dass sie nicht in die Serviette spuckt und ihm damit den Mund abwischt ist alles. Naja, irgendwann kurz vor Schliessung des Lokals brechen alle auf und wollen uns zum Tanzen in der Hospedaje abholen. Gluecklicherweise hat sich dieser Plan anscheinend zerschlagen. Aber wer weiss was uns naechste Woche passiert.

Wer auf Postkarten auf Peru hofft, muss an dieser Stelle leider enttaeuscht werden, wir waren naemlich heute Karten kaufen und sind am Postschalter fast umgefallen als wir die unverschaemten Briefmarkenpreise erfuhren. 6,50 Sol also umgerechnet 1,50 Euro wollen die hier fuer die Briefmarke nach Europa. Der Spass ist uns zu teuer gewesen, sodass wir hoechstens aus Bolivien ein paar Karten verschicken. In Venezuela habe ich auch schon einige auf den Weg gebracht, aber angeblich sind die noch nicht angekommen.

2 Kommentare 16.1.08 01:44, kommentieren

Ay ay ay {eijeijei}

Tag allerseits. 

Der geneigte Leser mag vielleicht denken, die laengere Schreibpause gehe einher mit jeder Menge Langeweile und Monotonie, dem ist aber ganz sicher nicht so. Ganz im Gegenteil: Die letzte Woche war so voll mit koerperlich und geistig anstrengenden Ereignissen, dass ich gar nicht dazu kam, respektiv ueber das ein oder andere zu berichten. Aber packen wir es an:

Um von Huancayo nach Huancavelica zu gelangen waehlen wir dieses Mal ein neues Verkehrsmittel, und zwar den Zug. Die Fahrt absolvieren wir mit einem Standardwagon ueber Schmalspurschienen, was bedeutet, dass sich der gesamte Zug permanent gefaehrlich in beide Richtungen (links-rechts) neigt, sodass an Schlafen trotz des Wiege-Effekts nicht zu denken ist. Gluecklicherweise tuckert der Zug mit einer Maximalgeschwindigkeit von 30 kmh durch die landschaftlich reizvolle Umgebung etlang eines sich windenden Flusses, sodass die Ausmasse eines potentiellen Umkippens ueberschaubar bleiben. Natuerlich erklaert sich so auch die Fahrzeit von rund 5 Stunden fuer die laecherlichen 150km. Alles halb so wild, immerhin gibt es kleine Tischchen im Abteil und sogar warmes Essen und Getraenke. Wir kloppen uns im Stundentakt Choclo con Queso (Maiskolben mit einem Stueck salzigem Kaese), regionaltypisches Brot, Oreo-Keks-Imitationen und Tunas rein. Letztere sind Kaktusfeigen mit rund 25 unverdaulichen Kernen, die uns von den zwei Opas vom Nachbarsitz spendiert werden. Nach skeptischem Nachfragen, ob man die Kerne auch wirklich mitessen kann, versichern uns die zwei, dass jene Ballaststoffe eine verdauungsfoerdende Wirkung aufweisen, und Svenja und ich machen auch gleich die Probe aufs Exempel.

In Huancavelica laeuft alles nach gewohntem Schema: Zuerst muss man etliche Angebote von Taxifahrern freundlich aber bestimmt abschlagen, dann laeuft man die 300m zu Fuss in die Innenstadt, bezieht eine billige, aber saubere Unterkunft, wo das Gepaeck abgeladen wird, dann erkundet man die Stadt nach brauchbaren Restaurants, klappert die sehenswerten Kirchen ab und stattet der Tourist-Info einen Besuch ab, um sich nach Wanderungen zu erkundigen. So auch dieses Mal. Erwaehnenswert ist die Tatsache, dass Merida nicht all zu viele europaeische Touristen zu Gesicht bekommt und man deshalb haeufig bestaunt wird. Wir goennen uns einen 2-taegigen Aufenthalt, den wir mit einer Wanderung in den Bergen kroenen. Hier durften wir auch erstmals unser Equip auf Regentauglichkeit testen, da wir gegen Mittag in einen ordentlichen Schauer geraten sind. Unser Dank an dieser Stelle richtet sich verstaendlicher Weise an Jack Wolfskin, Lowa und Mammut. Am naechsten Morgen gehts ab 5 Uhr in einem rappelvollen Bus nach Rumichaka, wo uns Anschluss gen Ayacucho versprochen wird. Es macht uns ein wenig stutzig, dass viele der Peruaner Kotztueten mit sich fuehren, von denen sie zu unserem Leidwesen auch Gebrauch machten. Offenbar bekommt selbst den Einheimischen die Ruckeltour ueber unbefestigten Strassen durch zerklueftet Taeler und schneebedeckten Paessen nicht sonderlich. Wir bleiben allerdings tapfer und behalten unser Essen da, wo es hingehoert. Im Bus selbst verkauft man uns Busfahrten inklusive Platzkarten nach Ayacucho, was unsere Herzen hoeher schlagen liess. Die anschliessende Fahrt im Collectivo (Ihr erinnert Euch, die Kleinbusse) grenzte schon allerdings an einen Albtraum, da die jeweiligen Plaetze im VW-Bus (insgesamt 19 an der Zahl) die Breite einer Sabine Schlecker hatten. Waehrend sich Svenja und Michael einen 2er (nach deutschen Massstaeben bestensfalls ein etwas breiterer Behindertensitz) teilen durften, wurde ich auf die Rueckbank verfrachtet und zwar zwischen drei dickeren Herrschaften, was mir den Komfort einer Oelsardine verschaffte. Fuer alle Plaetze galt zudem, dass man sich die Beine mangels Freiheit im Fussraum hinter die Ohren schnallen musste, sodass nicht  nur gedanklich Termine beim Ergotherapeuten gebucht wurden, sondern auch die Koerpertemperatur binnen Sekunden auf bedrohliche 43 Grad stieg. Jacke ausziehen ohne seinen Sitznachbarn zu erdrosseln unmoeglich. Unser Gepaeck verweilte immerhin genauso wie drei Huehner in einem Sack auf dem Dach. Letztere haben den Zuckungen des Sacks beim Abladen anscheinend den Trip besser ueberstanden als wir.

Etwas benommen erreichen wir also Ayacucho, einem Andenstaedchen, in denen besagter Sentoro Luminoso in den 80ern und 90ern am haeftigsten tobte bzw. sogar geboren wurde. Die Stadt ueberrascht dank seiner nicht so hohen Lage mit angenehm warmen Temperaturen und seltenen Niederschlaegen. Etwas ausserhalb liegen an einer Strasse aufgereiht einige Wari-Ruinen und noch weiter entfernt das Staedtchen Quinua, das nicht nur fuer seine Keramikkunst bekannt ist (auf jedem Dachfirst kann man solche Keramikfiguren bestaunen), sondern auch Schauplatz des Befreiungskampfes gegen die spanischen Eroberer ist. Selbstredend lassen wir uns dieses Staedchen nicht entgehen und machen eine Tagestour dorthin. Noch vor dem riesigen Monolit, der an die denkwuerdige Schlacht erinnern soll, fangen uns ein paar einheimische Kids ab und wollen mit uns tanzen und singen. Wir sind natuerlich sofort Feuer und Flamme und bewegen uns mit den halben Metern geschmeidig wie Guildo Horn mit Motsi Mabuse. Grosszuegig quittieren wir den Spass mit einer Handvoll Bonbons, ueber die sich die Kinder gierig hermachen. Nachdem wir den kulturellen Teil unseres Aufenthalts mit ernster Miene und vielen Fotos absolviert haben, gehts zurueck nach Ayacucho, wo wir alsbald Opfer von Wasserbombenattacken werden. Mit geduckten Koepfen hetzen wir schnellen Schrittes zurueck ins Hostal und fragen erst Mal nach moeglichen Motiven, um im Januar mit Wasserbomben zu schmeissen. Die Antwort faellt einfach und einleuchtend aus: Karneval!  Die folgenden Tage mustern wir jeden Einheimischen, als sei er ein Terrorist mit dem Erfolg, dass wir aller hoechstens noch nasse Fuesse bekommen. Mit dem Nachtbus setzen wir unsere Rundreise nach Cusco fort, um endlich den Hoehepunkt in Peru anzusteuern: Machu Picchu. Dem im Wege steht ein 24-Stundenaufenthalt im haesslichen Andahuaylas sowie eine weitere Busfahrt. In Cusco, der Touristenhochburg, in der wie so viele Amis, Deutsche, Franzosen, etc. sehen, wie in den letzten 2 Monaten zusammen, finden wir mit viel Geschick wieder eine preisguenstige Abstiege in der Resbalosa (woertliche Uebersetzung dieser Steilen mit etlichen Treppenstufen und unebenem Kieselzement versehenen Strasse lautet "Ausrutscher". Der Rest dieser einstigen Inka-Hauptstadt strotzt vor Geschichte und architektonischen Besonderheiten, sodass sich eine Aufzaehlung an dieser Stelle nicht verwirklichen laesst. Wir bestaunen die fugenlose Baukunst der Inkas genau so wie die protzigen Kirchen der Spanier, die ihre immer wieder von Erdbeben gepeinigten Bauten auf den stabilen, mitschwingenden Grundmauern alter Inkapalaeste errichtet haben. Wir goennen uns nach langer Zeit sogar mal wieder einen Museumseintritt, wo wir archaeologische Funde aus der Prae-Inka-Zeit, der Inka-Zeit und der darauffolgenden Besatzungszeit bestaunen. Kulinarisch lassen wir es uns auch mal wieder gutgehen, indem wir in schnuckeligen 2-Mann/Frau-Betrieben 3-Gaengemenues verputzen, die allesamt nicht mehr als 10 Soles (ca. 2,5 Euro) kosten.

Am 3. Tag starten wir schliesslich das Unternehmen Machu Pichu, das heisst: 4 Uhr aufstehen, zum Busbahnhof an der Puente Grau laufen, in den Bus nach Ollantaytambo einsteigen, wo wir 3 Stunden spaeter ankommen, dort Aufenthalt bis 11.30 mit Kartenspielen und Choclo-Essen ueberbruecken, mit dem sau-teuren Backpacker-Zug (es gibt nach Machu Picchu keine Alternative ausser dem noch viel teureren Inka- (Gringo-)Trail) nach Agua Calientes fahren, wo der Baer tobt. Hunderte von Touristen tummeln sich in diesem haesslichen, aber strategisch guenstigen Dorf direkt unter Machu Picchu, und ebensoviele Einheimische versuchen einen in ihr Hotel/Restaurant/Imbissbude zu zerren. Irgendwie schaffen wir es eine akzeptable Unterkunft zu ergattern und uns die Eintrittskarten (122 Soles =30 Euro), die natuerlich auch viel zu teuer sind, fuer Machu Picchu vorab zu besorgen. Obwohl ich keine Internationale Studentenkarte habe, schindet die gute, alte Tunika genuegend Eindruck, um mir einen 50% Preisnachlass zu ergattern. Am naechsten Morgen geht es wieder um 5.30 aus den Federn. Bei stroemendem Regen, feilschen wir um den Preis fuer drei Regenponchos aus Muellbeutelstoff und machen uns auf den Fussweg zu Machu Picchu, da der Bus happige 12 Dollar kosten soll. Die folgenden 50 Minuten werden grausam. Der Poncho schuetzt uns zwar vor dem Regen, die rund 900 Stufen, die ganz und gar nicht die Trittgroesse der kleinen Inka aufweisen, bringen uns aber schon nach wenigen der insgesamt 400 Hoehenmetern ins Schwitzen. Wir  ueberholen noch 4 keuchende Touristen samt Guide, der uns gerne gefolgt waere und erreichen gegen 7 Uhr die Inkaruinen. Die folgenden 4 Stunden entschaedigen fuer den muehsamen Anstieg allemal. Obwohl auch hier etliche Stufen zu bewaeltigen sind, geniessen wir bei strahlendem Sonnenschein die ehrwuerdigen Staette in vollen Zuegen. Einzig das Fehlen eines Klos bzw. eines Kiosks zwingt uns gegen Mittag zum Abstieg, wo wir gluecklich, aber geschafft unter die Dusche und dann in die Betten fallen. Auch am darauffolgenden Tag geht es um 4.15 aus den Federn, schliesslich sollen wir uns um 5 Uhr zur Rueckfahrt am Bahnhof einfinden. Erst Zug, dann Bus und wir sind wieder in Cusco, wo ich jetzt an einem Rechner sitze und verzweifelt nach einer Bleibe ab Maerz suche. Heute morgen haben wir wieder in aller Herrgottsfruehe (Aufstehen war um 5.30) eine Festung wenige hundert Meter noerdlich der Stadt besucht, um den Eintritt zu sparen. Trotz der Warnungen des Reisefuehrers, dass auf dem beschwerlichen (und stufigen!) Aufstieg haeufig Wegelagerer und Diebe lauern, haben wir das Wagnis auf uns genommen und uns ist auch nix passiert.

Fazit der Woche: Urlaub heisst nicht: Lange Ausschlafen. Und dank der 1000 Treppen habe ich in der Andenhoehe mittlerweile eine Ausdauer wie Uschi Disl und Oberschenkel wie Gunda Niemann-Stirnemann. 

1 Kommentar 28.1.08 22:25, kommentieren